Album: The Dillinger Escape Plan/One Of Us Is The Killer

Auf die Frage, warum “Reign In Blood” mit knapp einer halben Stunde Spielzeit so kurz geraten sei, antworteten Slayer sinngemäß, dass sie genauso viele Ideen wie andere Bands auf diesem Album untergebracht hätten, diese aber einfach schneller spielen würden. Was in Achtzigern für Slayers Alben galt, gilt heute für die Songs der Band “The Dillinger Escape Plan” - Ideen, Riffs, Melodien, aus denen andere ganze Alben machen, verwursten die fünf Musiker in einem einzigen Song, das hat sich auch auf ihrem fünften Album, “One Of Us Is The Killer”, nicht geändert. Was sich ebenfalls nicht geändert hat, ist ihre Neigung zu schädelspaltendenen Eröffnungsstücken - auf diesem Album heißt der Track “Prancer” und peitscht dem Zuhörer zu Beginn kreischende Stakkato - Gitarren ins Gesicht, steht also mehr oder weniger in der Tradition früherer Stücke wie “Panasonic Yout” oder “Fix Your Face”. Generell lässt sich vieles, was man auf “One Of Us Is The Killer” hören kann, mit früheren Releases vergleichen; das liegt jedoch vor allem daran, dass man langsam das Gefühl hat, dass diese Band bereits alles zwischen Metal, Hardcore, Jazz, Alternative, Ambient und Electronica abgegrast hat und nun hauptsächlich damit beschäftigt ist, ihr eigenes Erbe zu verwalten. Aber was das für ein Erbe ist!

Mal ehrlich: Wie viele Bands könnten ein Album wie dieses schreiben und umsetzen? Beinahe im Sekundentakt wechseln hier Stimmungen und Rhythmen, man hat das Gefühl, es sei wieder etwas chaotischer im Hause Dillinger geworden als zuletzt. Auf “Option Paralysis” gab es verhältnismäßig viele aufgeräumte Stücke, “One Of Us Is The Killer” geht die Sache etwas chaotischer an und wirft mit Ideen um sich. Ähnlich wie “Prancer” sorgte auch “When I Lost My Bet” mit Stakkatogitarren für starre Nacken, wäre da nicht dieses unverschämte Jazzschlagzeug im Hintergrund, das dann doch wieder alles auf den Kopf stellt, was man über den Song zu wissen glaubt. Jazzcore? So ungefähr. Generell, was auf diesem Album alles mal wieder so rein gar nicht zusammenpassen dürfte! Das unverschämte an The Dillinger Escape Plan ist ja, wie sie es schaffen, hochkomplexe Songs nie nach Progwichserei klingen zu lassen, sondern dank Grooves und Dynamik aus dem Hardcore Genre den Songs die nötige Griffigkeit verleihen, um bei aller Brachialität und allem Anspruch irgendwie eben doch zu unterhalten, auf eine sehr abstrakte Art und Weise. Auch das neue Album hat natürlich seine ruhigeren Momente, spätestens mit dem Titeltrack, der eine äußerst atmosphärische Rocknummer geworden ist - natürlich ausgestattet mit dem obligatorischen doppelten Boden, spätestens, wenn sich der Song nach dem zweiten Refrain in eine Sludge Walze verwandelt. Dazu diese Melodien, dieser Gesang, dieser Text! Melodien gibt es auf diesem Album haufenweise (man höre besonders aufmerksam: “Nothing’s Funny” und “Paranoia Shields”), sie sind jedoch etwas versteckter, als es zuletzt der Fall war; und wenn man ganz aufmerksam hinhört, lassen sie sich früher oder später in jedem Song irgendwo aufstöbern.

Auffällig ist, dass selbst nach dutzendfachem Durchhören lange nicht alle Geheimnisse dieses Albums entdeckt sind, überall lauern Überraschungen. Es ist nicht verwunderlich, dass die Band immer wieder mindestens drei Jahre braucht, um ein neues Album einzuspielen: so viele Ideen, wie diese Band auf einem Album unterbringt und dabei trotzdem zu jeder Zeit schlüssige Songs kreiert, schüttelt man eben nicht beiläufig aus dem Ärmel. Auf “One Of Us Is The Killer” scheinen die Songs auch wieder etwas komplexer geworden zu sein, Anzahl und Länge der vollkommen irren Stücke ist jedenfalls im Vergleich zum Vorgänger angestiegen. Dort gab es diese Momente zwar auch, sie waren jedoch verhältnismäßig kurz gehalten - hier hält der Wahnsinn beinahe in jeden Song Einzug, die Arrangements sind verschachtelter, man gönnt sich fast keinen Moment der Ruhe. Lediglich das Instrumentalstück “Ch 375 268 277 ARS” unterschreitet die Drei - Minuten - Marke; macht dabei aber durchaus Appetit auf weitere instrumentale Stücke dieser Band. So brillant Sänger Greg Puciato zwischen Falsett, Geschrei und normalem Gesang changiert, auch ohne ihn kann die Band überzeugen und erinnert an härtere Post Rock Bands wie And So I Watch You From Afar. Weitere Stücke in diese Richtung wären wünschenswert und zeigen eine neue Seite der Band auf.

Ansonsten heißt, wie vielleicht der ein oder andere bereits gemerkt hat, über dieses Album zu schreiben, an ihm zu scheitern. Im Grund müsste man ein Sequenzprotokoll anfertigen, zu viel passiert in den Songs, um sie klar einem Genre, einem Merkmal zuzuordnen. Fest steht:

1) The Dillinger Escape Plan bleiben The Dillinger Escape Plan.

2) “One Of Us Is The Killer” gehört zu ihren vielschichtigsten und komplexesten Alben.

3) The Dillinger Escape Plan stehen nach wie vor alleine auf weiter Flur. Niemand spielt diese Musik annähernd so gut wie diese Band, und ganz nebenbei nehmen sie in Kategorien wie Technik mit Songs wie “Understanding Decay” Musterschülern wie Meshuggah dann auch noch die Butter vom Brot.

Wer die Band bisher nicht mochte, wird hier nicht zum Fan. Wer sie mag, wird fündig werden. Ich verabschiede mich in den Wahnsinn, der sich nach mehrmaligem Hören dieses Albums unweigerlich einstellt. Wer sich auf diese Sache einlässt, kommt nicht mehr davon los.

The Dillinger Escape Plan entlarven Mörder unter uns für: wirre Hardcore - Buben/wilde Jazz - Schlaumeier/bebrillte Mosher/wahnsinnige Headbanger

Kurzkritik: Soap & Skin/Sugarbread

“Sugarbread” ist der Nachfolger des letztjährigen Albums “Narrows”, und beim Anhören stellt sich recht schnell der der Eindruck ein, Plaschg habe die große Geste, die sie an manchen Stellen im letzten Jahr aussparte, hier ausgiebig nachgeholt. Der Titeltrack präsentiert zum Einstieg Horrorfilm - reife Schreie über schwerem Piano. Was folgt ist ein verschrobenes Schauerstück, vollgepackt mit Effekten, Orgeln und Plaschgs mehr als eigenwilliger Stimme, die sich auftürmen zu einem Monstrum von Song, welches gegen Ende von einem sakralen Chor zu Grabe getragen wird. Es keucht und kreischt an allen Stellen, dass es einem die Haare zu Berge stellt. Als Gegenentwurf dazu fungiert “Me And The Devil”, über dessen Streicherarrangements Plaschg emotionsgeladen von einer Begegnung mit dem Teufel erzählt. Der Track ist deutlich aufgeräumter, doch nicht weniger intensiv.

Am stärksten orientiert sich das abschließende “Pray” an “Narrows”, die recht schlicht gehaltene Pianoballade mit einer ungewöhnlich sanften Plaschg erinnert jedenfalls an den verhältnismäßig reduzierten Sound des vergangenen Albums. Natürlich ist auch dieser Song mit doppeltem Boden ausgestattet, wenn sich gegen Ende Bläser und Monster einschleichen, um die trügerische Harmonie zu beenden, doch alles in allem haben wir es hier mit dem minimalistischsten Stück dieser Sammlung zu tun. Plaschg beweist erneut, dass sich nicht viele Kollegen und Kolleginnen mit ihr messen können wenn es darum geht, düstere, große Musik zu kreieren, ohne in Klischees abzudriften. Auch auf dieser Liedersammlung steht die Ambition der Österreicherin zu jeder Zeit in Relation zu ihrem Können, ebenso wie ihr Größenwahn. Grenzen kennt sie sowieso nicht, und eben das macht sie so unberechenbar und “Sugarbread” zu einem weiteren gelungenen Werk in ihrer Diskographie.

Soap & Skin ängstigt: klassische Düsterkinder/emotionsgeladene Klassiker/Menschen, die Chöre und Saxophone mögen

Kurzkritik: OK Kid/OK Kid

“OK Kid” von OK Kid hätte ein wirklich gutes Album werden können, eigentlich sogar werden müssen. Leider ereilt die drei Musiker ein ähnliches Schicksal, wie es im letzten Jahr bei Kraftklub der Fall war: man verlässt sich zu sehr auf eine gewisse Erfolgsformel, einen eigenen Sound; vergisst dabei aber leider, genügend gute Songs zu schreiben, um damit ein ganzes Album bestreiten zu können. Die erste Single “Verschwende mich” war unheimlich vielversprechend, vermischte düsteren Indie mit deutschem, kryptischem Sprechgesang, nahm jedoch im Nachhinein betrachtet leider zu viele Facetten des Albums vorweg. Die Texte sind etwas weniger kryptisch, die Stimmung wechselt zwischen Weltschmerz und augenzwinkernder Melancholie, doch die Kombination von Hip Hop und Indie, die in 3 - Minuten - Tracks gepresst werden, bleibt meist ähnlich. Positiv fallen wenige Songs auf, lediglich das elegische “Alles Oder Nichts Mehr”, “Mehr Mehr”, dessen düsteres Piano ein nicht ganz reizloses Generationsportrait zeichnet, und die bereits angesprochene Single stechen wirklich hervor. Besonders die Unentschlossenheit zwischen Gesang und Rap ist auf Dauer ein Manko, denn weder auf dem einen noch dem anderen Gebiet kann Jonas wirklich überzeugen. Dadurch sind die meisten Songs für sich genommen zwar zumindest okay, auf Albumlänge langweilen sie jedoch in ihrer fehlenen Varianz.

OK Kid fügen sich natürlich gut in die aktuelle Deutschrapszene ein (ohne meiner Meinung nach Hip Hop zu spielen), und natürlich sagt es auch einiges aus, dass sie auf Four Music gelandet sind, der Labelheimat von Casper. Texte übers Erwachsenwerden, organische Sounds … ja, kommt einem bekannt vor. Hat man nur leider schon mal besser gehört. Da ist Potential, aber irgendwie hat es auf diesem Album nicht funktioniert, eine EP hätte gereicht. Beim nächsten Mal vielleicht.

OK Kid trotzdem hören sollten: Menschen, die Kompass ohne Norden mögen/traurige Deutschrapfans

Album: Vampire Weekend/Modern Vampires Of The City

Vampire Weekend sehen das schwierige dritte Album als Chance, ergreifen sie und machen sich auf den Weg in die nächste Phase ihrer Existenz. Die Band wagt dabei einen äußerst mutigen, aber notwendigen Schritt: sie werfen ihren einzigartigen Sound weitestgehend über Bord und versuchen, ihr bisheriges Schaffen in neue Kontexte zu übersetzen. Wie bei vielen anderen Bands, die sich auf ihrem Debüt innerhalb der vergangenen Dekade einen eigenen Sound erspielt hatten, hatte sich eben dieser spätestens nach dem zweiten Album zum Soundkorsett gewandelt. Als Folge dessen sind die Ethno/World Beat Einflüsse weitestgehend verschwunden, stattdessen übt sich die Band in sakraler Opulenz, die sich in der Arbeit mit Orgeln und Chören manifestiert.

Dieser Sound bringt eine weitere Entwicklung mit sich: Vampire Weekend klingen deutlich öfter schwermütig, als es auf ihren ersten beiden Alben der Fall war, die man irgendwie immer als Hintergrundmusik sommerlicher Abenteuer leicht versnobter College Studenten gewertet hatte. “Modern Vampires Of The City” verhandelt andere Themen als Ferien und Abenteuer: es geht um Fundamentaleres, insbesondere Religion. Diese Entwicklung kulminiert im vorletzten Stück, “Hudson”: über einem wuchtigen Instrumental, begleitet von einem Chor, der an den “Das Parfüm” Soundtrack erinnert, spinnt Koenig eine surreale Geschichte über mysteriöse Fremde, Visionen und den Tod. Auch “Hannah Hunt” und “Step” sind Tracks, aus denen unweigerlich eine gewisse Traurigkeit spricht. Vampire Weekend werden mit diesem Album zwar keine Band, zu deren Musik man seine Depressionen pflegen kann: so unbekümmert wie zu Beginn sind die vier College Buben jedoch auch nicht mehr.

Am ehesten an alte Zeiten erinnern zumindest musikalisch das karibische “Finger Back”, sowie der vorwärts ziehende Gitarrensong “Diane Young”, der in der Tradition knackiger Popsongs wie “A - Punk” oder “Cousins” steht - im Gegensatz zu diesen jedoch das Tempo zwischenzeitlich drosselt und Koenigs Stimme verlangsamt bzw. pitcht, ein Effekt, den die Band mehrmals auf diesem Album anwendet. Wenn etwas, neben manchen Riffs und Koenigs Stimme, an die ersten beiden Alben erinnert, dann sind es eben die Freude am Experiment und die leicht verspielten Arrangements, die man sich bei aller Schwere beibehalten hat. “Ya Hey” ist in Hinblick auf diesen Aspekt sicherlich eines der herausstechendsten Beispiele: über einem Klavier experimentiert die Band in recht freier Form mit bearbeiteten Vocals und konterkariert damit in gewisser Weise den simpel anmutenden Titel.

Ein weiteres Element, das auf “Modern Vampires Of The City” beibehalten wird, ist die Liebe zur Melodie: eine Liebe, die vielleicht mehr denn je im Vordergrund steht. “Unbelievers”, “Step”, “Don’t Lie”: allesamt Songs, die bei aller Sperrigkeit eine unwiderstehliche Melodie im Refrain aufweisen. Gerade die Öffnung hin zu neuen Strukturen und das Ausbleiben eines klaren Hits lassen paradoxerweise die Schönheit der Melodien noch stärker in den Vordergrund rücken. “Modern Vampires Of The City” ist mehr als seine beiden Vorgänger ein Album - Album geworden; diese Entwicklung tut der Band gut und lässt den Hörer auch ein schwächeres Stück wie “Everlasting Arms” verschmerzen. Sollte sich das milde angekündigte Erwachsenwerden so anhören, haben wir von Vampire Weekend noch viel zu erwarten.

Vampire Weekend orgeln für: melancholische College - Absolventen/schwermütige Urlauber/sommerliche Mönche

Schnelldurchlauf: 2013/Teil 4

10) Stone Sour/House Of Gold & Bones Pt. 2

Konnte man Stone Sour nach dem ersten Teil ihres Konzeptdoppelpacks getrost abhaken und aufs Modern Rock Abstellgleis verfrachten, sollte man nach dem zweiten Teil seine Meinung zumindest ansatzweise überdenken. Die Produktion ist natürlich immer noch viel zu glatt, allerdings wagt die Band es jedoch rein musikalisch gesehen öfter, über den Tellerrand hinauszublicken und vom radiotauglichen Format abzuweichen. Deutlich macht das schon der Opener “Red City”, der sich in überraschend düstere Alternative Gefilde aufmacht. Immer wieder schimmert diese Dunkelheit durch, die die Band zuletzt verloren hatte, entweder in bitterbösen Shout Passagen (vgl. “Gravesend”) oder im atmosphärischen, verhältnismäßig minimalistischen Zwischenspiel “Blue Smoke”.

Leider verliert sich die Band immer noch viel zu oft in durchschnittlichen Riffs, Strukturen und Melodien, und würde da nicht Corey Taylor singen, es könnte es sich um irgendeine beliebige Band handeln. Meist sind es sowieso keine ganzen Songs die überzeugen können, sondern lediglich einzelne Passagen oder Elemente; doch immerhin gibt es diese Momente, die aus der Durchschnittlichkeit herausragen. Das macht “House Of Gold & Bones Pt. 2” noch nicht zu einem guten Album, man kann Stone Sour aber immerhin eine Rückkehr zu alter Form attestieren, die an manchen Stellen sogar um eine schmucke Finsternis ergänzt wurde.

11) Volbeat/Outlaw Gentlemen & Shady Ladies

Wo wir gerade beim Thema Durchschnitt und Rockmusik sind: auf diesem Gebiet haben es sich auch Volbeat ziemlich gemütlich gemacht. Nach einer kurzen, aber intensiven stürmischen Zeit, schicken sich die Dänen nun an, nach und nach im Stile von Metallica eine immer breitere Hörerschicht für sich zu vereinnahmen. Dazu gehört natürlich auch eine immer deutlichere Öffnung in Richtung Pop, die bei Volbeat jedoch schon immer mehr oder weniger einkalkuliert war. Auf “Outlaw Gentlemen & Shady Ladies” sollte nun vor allem das Country Element in diesem Stilamalgam betont werden, doch abgesehen von wenigen Passagen kann man getrost von einem typischen Volbeat Album sprechen: affektierter Elvis - Gesang, melodische Riffs, härtere Passagen, große Refrains. Wie bei den letzten Alben hat man auch hier den Anteil an Metal etwas zurückgefahren und setzt stattdessen immer stärker auf Melodien.

Doch all das sind letzten Endes Fußnoten, denn seien wir ehrlich: Volbeat waren nie wirklich dreckig oder übermäßig hart. Der Flirt mit dem Pop war bei aller Liebe zu Metal, Punk und Rock ‘n’ Roll immer Bestandteil der Band, und wer mit der bisherigen Mixtur zurechtkam, wird auch dem neuen Album etwas abgewinnen können. Meiner Meinung nach ist das größere Problem, das sich im Zusammenhang mit “Outlaw Gentlemen & Shady Ladies” ergibt, die fehlenden neuen Ideen. Gerade Ausreißer wie “Room 24” bleiben hängen, die typischen Volbeat Songs sind schnell wieder vergessen, weil sie zu stark an bekannte Stücke erinnern. Auf einem Konzert kann das ganz nett sein, in konservierter Form wird diese Wiederholung leider schnell langweilig. Wem aber ein paar schöne Melodien und eine Hand voll netter Riffs genügen, der ist mit Songs wie “Pearl Hart” oder “Lola Montez” nicht schlecht beraten. Alle anderen sollten sich langsam aber sich nach neuen Bands umsehen, schließlich sind im Metal schon andere Bands frei von Innovation alt geworden. Volbeat werden wohl keine Ausnahme bilden.

12) Rhye/Woman

Wer sich nach dieser doppelten Portion Grobmotorik nach etwas feinfühligerem sehnt, ist mit “Woman” gut beraten. Das Debütalbum der Band Rhye, um die es vor allem aufgrund der Stimme einen beachtlichen Hype im Internet gab, ist ein weiteres Beispiel dafür, dass man seichte Musik auch ansprechend gestalten kann. Dieses Mal dreht es sich jedoch nicht um R’n’B, sondern um schmierige Soul/Jazz Musik. In den 80er Jahren durfte höchstens Sade so etwas vortragen, und selbst deren Alben klingen heute tendenziell nach Softporno.

Rhye schaffen es nun, die Musik so detailverliebt spielen, dass sie über die pomadige Oberfläche hinaus faszinieren kann. Easy Listening Musik im besten Sinne; das Album stört nicht im Hintergrund, betrachtet man es jedoch näher, fallen die interessanten Details auf, der dezente House Beat in Verse, der unkonventionelle Rhythmus, um den sich “Shed Some Blood” aufbaut oder der Minimalismus, der “Major Minor Love” auszeichnet. Man hört den Songs an, dass die beiden Musiker hinter Rhye daran interessiert waren, schöne, unprätentiöse Musik zu kreieren. Gelungen ist ihnen das natürlich auch aufgrund der Melodien, die bereits die beiden Singles “Open” und “The Fall” auszeichneten. In seiner gesamten Länge ist die Stimmung der Tracks vielleicht ein bisschen zu gleich, um vollkommen fesseln zu können; dennoch ist “Woman” ein außergewöhnlich gelungenes Album in einem außergewöhnlich schäbigen Genre.

Konzert: Ellie Goulding, 03.05.2013, Atelier

Letztens hab ich mal über Konzerte nachgedacht, ganz allgemein. Es gibt ziemlich viele Alben, die mich ziemlich enttäuscht haben oder die ich einfach schlecht fand. Bei Konzerten ist mir das bisher eher selten passiert, irgendwas konnte man dem Gehörten eigentlich immer abgewinnen, und zur Not konnte man die unfreiwillige Komik genießen. Nun, dieses Konzert ist ein Beispiel dafür, dass auch Liveauftritte enttäuschen können.

Dabei hätte alles gut werden können, das Atelier ausverkauft, noch dazu ein schöner Club, in dem schnell Stimmung aufkommt und dann natürlich Ellie Goulding, die mit Leichtigkeit die Schwächen ihrer Alben mit Charme und geschickter Kombination von schmachtenden und tanzbaren Momenten hätte ausbügeln können - es konnte kaum schief gehen, man zahlte die dreißig Euro gerne und verzichtete auf die deutliche billigere Deutschpunk Traumkombination Love A und Turbostaat, die um die Ecke im Exit 07 gastierten.

Das Debakel fing jedoch schon beim ersten Support an. Matthew Koma, ein amerikanischer Singer/Songwriter, der knietief im Popsumpf steckt. Nach wenigen Klicks stößt man darauf, dass der gute Mann dicke mit Zedd und Far East Movement ist und zusätzlich für “This Kiss” mitverantwortlich ist, Carly Rae Jeppsens letztjähriger schlaffer Nachfolgesingle zum unverschämten Pophit “Call Me Maybe”; das alles hilft zu verstehen, wieso seine Musik so glattgebügelt klingt. Er hat für jeden Moment etwas in der Hinterhand, die große Killers Geste (an deren Frontmann er übrigens rein optisch erinnert), den lockeren, vom Hip Hop entliehenen Flow und natürlich auch einfühlsame Momente - das alles klingt jedoch so berechnend und billig, dass man es dem Publikum nicht verübeln kann, dass seine Reaktion eher verhalten ausfällt.

Achja, das Publikum. Manch einem mag es übertrieben erscheinen, wie sehr innerhalb dieses Blogs auf meinen Mitmenschen herumgehackt wird, aber ganz ehrlich: gerade an Abenden wie diesen ist es kaum auszuhalten, mit welcher Lustlosigkeit ein Großteil der Menschen im Club herumsteht und gelangweilt auf die Bühne starrt. Sekt und Rotwein sind die Getränke des Abends, goutiert von neureichen Gören und altreichen Mittvierzigern, die sich mal wieder “richtig locker” machen wollen. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe wird einem aber erst bewusst, als Charli XCX die Bühne betritt. Die gute Frau gilt mittlerweile als große Pophoffnung, nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums bleiben jedoch vor allem Fragezeichen. Natürlich gibt es nette Momente, und die Sängerin macht als 80er Lockenkopf mit Flashdance Vorliebe durchaus eine gute Figur - ein Großteil des Materials ist aber eben der ganz normale Elektro - Pop Durchschnitt, lediglich der unverschämte Radioohrwurm “I Love It” lässt richtig aufhorchen und animiert das Publikum immerhin dahingehend, die iPhones in die Luft zu strecken. Bizarrerweise lässt Charli sich bei diesem Song aber von einem allgegenwärtigen Playback begleiten, so dass nicht immer klar ist, ob das, was man gerade hört, auch tatsächlich live gespielt wird. Alles in allem ein ärgerlich mittelmäßiger Auftritt.

Doch das war ja alles nur Vorgeplänkel, jetzt kommt erst die Hauptattraktion des Abends, das Mädchen mit der Gitarre in der Hand und den Bässen unterm Tanzbein. Doch leider hinterlässt auch der Auftritt von Ellie Goulding zwiespältige Gefühle: sie hat auf jeden Fall noch immer eine der interessantesten Stimmen in der aktuellen Poplandschaft, live knickt sie im Laufe der Zeit jedoch immer öfter ein, was zu atemlosen Spoken Word Passagen führt. Das ist natürlich ein Manko, wäre aber zu verschmerzen, würde der Rest des Auftrittes voll und ganz überzeugen. Doch auch das ist nicht der Fall: Negativ fallen in erster Linie die Songs auf, die größtenteils von der letztjährigen, club - orientierten Veröffentlichung “Halcyon” stammen. Leider sind die meisten dieser Songs nicht spannend genug, um damit ein ganzes Konzert bestreiten zu können, und selbst Momente, die man irgendwie als tanzbar verkaufen könnte, versanden vor diesem Publikum. In der Mitte der regulären Spielzeit wird es dann zu allem Übel auch noch unangenehm balladesk: zunächst erinnert “Guns and Horses”, das Ellie alleine mit Gitarre vorträgt, angenehm an die Zeit vor Skrillex und Undercut. Das folgende “I Know You Care” stellt dann bereits langsam die Geduld auf die Probe, doch als dann auch noch der Elton John Gassenhauer “Your Song” ausgepackt wird, hat mich Frau Goulding verloren, daran ändern auch “süße” Ansagen und mittelgute Percussion Einlagen nichts.

Es sind Details, wie zum Beispiel der häufige, vollkommen deplatzierte Einsatz eines Synthesizers, der nicht nur, aber vor allem “Under The Sheets” bis zur Unkenntlichkeit entstellt, die dieses Konzert bei aller Vorfreude und gutem Willen ruinieren. Als Zugabe gibt es dann die beiden neuesten Gassenhauer, “I Need Your Love” und “Lights”, das ja bekanntermaßen schon ein paar Monate auf dem Buckel hat, aber zwecks “Spring Breakers” wieder ausgepackt wurde. Unbestritten ist, dass es diese beiden Songs sind, die zumindest ein bisschen Bewegung in die Menge bringen, und entgegen anderer Einschätzung meine ich, beim unsäglichen Calvin Harris Track “I Need Your Love” die größere Euphorie bemerkt zu haben. Vielleicht passt es aber auch nur zu meiner negativen Einschätzung des Publikums, dass ich davon ausgehe, dass sie sich selbst von den beiden momentan populärsten Singles noch die Schlechtere aussuchen, und natürliche rutsche ich jetzt vollends in Polemik und Schlammschlacht ab, aber verdammt: dieses Konzert war einfach nicht gut.

Ellie Goulding tanzt balladesk für: traurige Raver/Radiohörer, die sich nicht gerne bewegen/Menschen, die gerne Sekt oder Rotwein trinken

Album: Prinz Pi/Kompass Ohne Norden

Zwei Jahre. So lange hat Friedrich Kautz aka Prinz Pi für den Nachfolger seines Umbruchsalbums “Rebell ohne Grund” gebraucht, zwei Jahre, in denen viel im Deutschrapzirkus passiert ist. Casper brachte endgültig organische Sounds in den Hip Hop und Rap ohne Gangsterattitüde wieder ganz nach oben in die Charts; Cro wurde der größte deutsche Popstar seit langem und dutzende Nachwuchsrapper folgen diesen Beispielen. Deutschrap jeglicher Ausprägung verkauft sich seitdem wie geschnitten Brot, selbst dem Gelegenheitshörer eher unbekannte Namen wie Chakuza oder Megaloh schaffen locker den Sprung in die Top 10. Und nun kommt Prinz Pi, sonst immer sichtlich unbeeindruckt von momentanen Strömungen und platziert ein Album an die Spitze der Charts, das absolut nach Zeitgeist klingt. Puh.

Nun durfte man durchaus gespannt sein, was Prinz Pi aus diesem neuen Sound macht, schließlich konnte man schon auf “Rebell ohne Grund” an vielen Stellen Gitarren hören und trotz der Kampfansage “brauch keine Liveband mit E - Bass” schaffte er sich eine solche für sein Akustikalbum “Hallo Musik” an. Es ist also durchaus nicht unlogisch, dass Pi dieses Mal Hofproduzent Biztram vor die Tür setzte und gemeinsam mit Band die Musik auf “Kompass ohne Norden” selbst entwickelte. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen, man hört, wie viel Zeit und Energie Pi in den Klang des Albums gesteckt hat. Die Arrangements sind rund und passen zusammen, musikalisch zieht sich ein Piano wie ein roter Faden durch das Album, ein Eindruck, der durch eine sich wiederholende Akkordfolge unterstrichen wird (man höre: “Moderne Zeiten” - “Ende Blut, alles Blut” - “Unser Platz”). So viel Wert auf die Musik gelegt wurde, so blaß bleiben dieses Mal die Texte. Das wäre halb so wild, wäre dieser Punkt nicht immer der, der Prinz Pi wirklich interessant machte; die Vielfalt der Themen, die Pointiertheit und der Biss, mit dem er die Themen zu Papier brachte, suchten in Deutschland ihresgleichen. All diese Elemente wurden auf “Kompass ohne Norden” gemeinsam mit dem alten Sound über Bord geworfen; alles dreht sich auf diesem Album mehr oder weniger um Jugend und die Orientierungslosigkeit, die dieser Zeit anhaftet.

Leider gelingt es Pi nicht, dieses Thema auf Dauer spannend zu verpacken. Seltsam zahnlos wirkt seine Kritik an den “Modernen Zeiten”, eine Art Kommentar zur Retromania, den man nicht wirklich gebraucht hätte, weil Pi keine Stellung bezieht, sondern einen tumben, sprachlich uninteressanten Bericht abliefert. Nach dem stürmischen Einstieg “Fähnchen in Wind” dümpelt das Album erstmal vor sich her und exerziert jugendliche Themen durch, ohne einen Punkt zu machen. Eine gewisse opulente Langweile stellt sich ein: das alles ist ohne Zweifel nett anzuhören, aber was soll das Ganze überhaupt? Wo ist die alte Dringlichkeit? Technisch gesehen ist der Vortrag einfach zu mittelmäßig, um die mittelmäßigen Texte zu kompensieren. Erst “100 x” lässt aufhorchen, nicht nur wegen des thematisch passenden Casperfeatures, sondern auch weil der gute Boom Bap Beat gut mit Pis Stimme harmoniert. Auch “Glück” geht weitestgehend in Ordnung und darf als gelungenes Liebeslied angesehen werden. In der ersten Albumhälfte werden massenhaft Zitate für den nächsten facebookstatus von fünfzehnjährigen Hipstermädchen geliefert, es fehlen jedoch Substanz und Fokus.

In der zweiten Hälfte erfolgt thematisch gesehen zwar eine Öffnung, doch irgendwie nimmt das Album keine Fahrt auf. “Säulen der Gesellschaft” will Gesellschaftskritik sein, bleibt aber zu oft an der Oberfläche; ebenso geht es “Rost”, dem die Wut fehlt, um als Protest durchzugehen. Und schon geht es wieder zurück zu den Kernthemen des Albums, ohne jedoch richtig zündende Ideen zu entwickeln. Am Ende steht “Unser Platz”, ein großes Stück voller Pathos, das nach diesem lahmen Album seltsam deplatziert wirkt. Das gesamte Album klingt nach großem Willen, aber recht bescheidenem Können, und vergleicht man es mit anderen Rap/Rock Alben wie “XOXO” fällt die Monotonie des Albums auf. Was geschlossen sein möchte, ist viel zu oft langweilig. Prinz Pi ist spürbar angekommen, dabei hat er jedoch leider so ziemlich alles verloren, was ihn früher so reizvoll gemacht hat.

Prinz Pi kommt an bei: schmusigen Rapfans/Menschen, die neue Sprüche für ihr Poesiealbum suchen

Konzert: Lana del Rey, 30.04.2013, Rockhal

Auf der Liste der Sängerinnen, die man gerne einmal live erleben würde, steht Lana del Rey nicht unbedingt ganz oben. Zu gut ist ihr eher suboptimaler erster Auftritt im US - Fernsehen im kollektiven Gedächtnis verankert, und spätestens seit der H&M Kampagne steht sie nicht mehr unbedingt für gute, vielfältige Popmusik, sondern eher für das typische, boulevardeske Pop - Starlet; von der aufregenden Pop - Hoffnung auf den Ramschtisch in einem Jahr.

Richtig ramschig klingt dann auch die Vorband, Kassidy. In vielerlei Hinsicht erinnern sie an eine Indie/Folk Boygroup, die Musik klingt jedenfalls sehr stark nach Reißbrett. Besonders bemerkenswert: alle vier Bandmitglieder spielen Gitarre und singen, gerne auch gemeinsam, was den Boygroup Effekt noch verstärkt. Letztes und stärkstes Boygroup Argument ist jedoch, wie wenig die vier zusammenpassen, sich stattdessen jedoch ausgezeichnet in Stereotype pressen lassen: Bruce Springsteen Nachahmer, Grunge Gitarrist, exzentrischer Glam - Rocker und schlussendlich der Indie - Hipster. All das macht die Band so furchtbar unsympathisch, dass die Musik, die dabei herumkommt, beinahe Nebensache wird. Dennoch, der Vollständigkeit halber: man hört eine Mischung aus Indie, Rock und Folk, die sich allzu selbstgefällig darin suhlt, dass meist drei Gitarren den Rhythmus spielen, wohingegen die vierte die Melodie übernimmt. Das Ergebnis klingt oft unangenehm heterogen, viel zu oft bemüht und so gut wie immer langweilig. Egal ob man sich an vermeintlich intimen Balladen oder groß gedachten Rocksongs versucht - es geht so gut wie immer daneben und wirkt lächerlich. Das Publikum feiert es trotzdem, denn wie sollte es sonst sein: auf diesem Konzert sind vornehmlich aufgeregte Radiohörer, desinteressierte Sekttrinker und viel zu aufgeregte junge Mädchen - das durchschnittliche Popkonzertpublikum eben. Und da dieses Publikum Rockkonzerte vermutlich nur aus dem Fernsehen oder von Dorffesten kennt, wird munter mitgeklatscht und gejubelt. Lediglich als der Grunge Bursche “Blue Jeans” anstimmt und ihm keiner folgt, weil offensichtlich entweder niemand das Lied kennt oder die Anspielung verstanden hat, lässt man die Band auflaufen. Ein Moment der perfiden Befriedigung für den desillusionierten, zynischen Nerd.

Für selbigen gibt es auch statt richtiger Pausenmusik verkratzte Aufnahmen von etwas, das sich nach 20er Jahre Soundtracks anhört - jedenfalls etwas, das man nicht im herkömmlichen Radio hören dürfte. Nach einer halben Stunde Umbau suggerierendem Gewimmel fällt der Vorhang und entblößt eines der geschmackvollsten Bühnenbilder, die ich bisher sehen durfte, irgendwo zwischen Palast und Plastik, flankiert von zwei goldenen Löwenstatuen. Diese Optik fängt recht genau das Rezept ein, das Lana del Rey so faszinierend macht: die Mischung aus edlen Arrangements und Hip Hop Beats, aus gehauchtem Gesang und billigen Raps, Glamour und Trailerpark. Das Spiel mit der Retromania, die hier eben nicht wie bei Adele oder ähnlichen Sängerinnen zelebriert, sondern auseinandergenommen und mit anderen Zutaten vermischt wird, hebt Lana del Rey von ihren Zeitgenossen ab. Auch die Band lässt sich ansatzweise in diese Kategorien einordnen; ein Gitarrist, ein Pianist, ein Schlagzeuger und ein Bassist, die ziemlich stark nach Rockband aussehen, werden kontrastiert durch ein weibliches, recht edel gekleidetes Streicherquartett.

Lana del Rey selbst komplettiert dann das Bühnenbild, sie ist das Zentrum des Abends, und sie beweist im Laufe des Konzertes, das sie diese Rolle ausfüllen kann. Überraschend viele Songs der Albumerweiterung “Paradise” haben sich in das Set geschlichen, mit “Cola” und “Body Electric” eröffnen sogar zwei eben jener den Abend. Erst jetzt fällt auch auf, dass die hinter der Band angesiedelte Trennwand nicht nur schlichte Dekoration ist, sondern als LED Leinwand dient. Gemeinsam mit zwei die Bühne begrenzenden Vorhängen und zwei daneben befindlichen Projektionsflächen dient diese Leinwand als optischer Hintergrund, hier setzt sich der Effekt fort, den die Videos von “Video Games” oder “Born To Die” hatten - die Intensität der Musik noch verstärken, den Retrocharakter noch unterstreichen. Apropos: die “Hits” werden an diesem Abend natürlich auch gespielt, und trotz ihrer fehlenden Tanzbarkeit langweilen sie keinesfalls, im Gegenteil: die meisten Songs offenbaren eine Tiefe, die man ihnen im ersten Moment nicht zugetraut hätte. Dazu trägt nicht zuletzt Lana selbst bei, indem sie ihre eigenen Grenzen anerkennt und ihren Gesang um diese herum anlegt. Will heißen: ihr gelingt eine packende Interpretation der eigenen Stücke, ohne unbedingt jede Stelle originalgetreu umzusetzen; folglich stolpert sie jedoch eben auch zu keinem Zeitpunkt über die eigene Ambition.

Das Publikum frisst der Sängerin aus der Hand, die ersten Reihen scheinen sich hauptsächlich aus jungen Mädchen zusammenzusetzen, berücksichtigt man Lautstärke und Tonlage der Schreie. Alle anderen dürften jedoch auch angetan sein von der dezenten, aber effektiven Performance - mal lasziv zum extra langsamen Jazz in “Million Dollar Man”, mal leidend zu so gut wie allen anderen Stücken. Es ist nunmal vornehmlich Musik, zu der man nicht tanzt, sondern schmachtet, jammert, verzweifelt. Dass sie trotzdem live funktioniert und sogar noch intensiver wirkt als in konservierter Form, darf als größter Triumph dieses Abends angesehen werden.

Abgerundet wird das Ganze durch kleinere Überraschungen, die stimmige Coverversion von “Knocking On Heavens Door”, das lustvoll ausgespuckte “let me fuck you hard in the pouring rain” und natürlich die Premiere des wundervollen Soundtrackbeitrages “Young & Beautiful”, über dessen Gelingen sie selbst erstaunt zu sein scheint. Am Ende des eigentlich 75 - minütigen Auftrittes folgt eine viertelstündige Version des kontrovers diskutierten Songs “National Anthem”, dessen Outro über zehn Minuten gestreckt wird, damit Lana sämtliche Kuschel - und Autogrammbedürfnisse der ersten Reihe erfüllen kann. Erst als sie die Bühne wieder betritt, beenden die Musiker sichtlich angestrengt das Spektakel, das Licht geht an, keinerlei Illusion, die Instrumente werden sofort abgebaut. Obwohl vieles an diesem Abend äußerst routiniert und souverän wirkte, führte das nicht dazu, die Sängerin plötzlich langweilig zu finden. Im Gegenteil, an diesem Abend hat sie bewiesen, dass sie keine exzentrische, unberechenbare Künstlerin wie Amy Winehouse ist, aber eben auch kein langweiliges H&M Model. Die Souveränität passt zu ihrer sonstigen Erscheinung und verleiht dem Ganzen einen Rahmen, in dem sich die Kunstfigur Lana del Rey bewegen darf, in dem sie kontrolliert leiden darf; sie darf und sollte also weiterhin als eine der vielversprechendsten Pop - Hoffnungen unserer Zeit gelistet werden.

Lana del Rey performt souverän für: Mädchen mit gebrochenem Herzen/Sektkonsumenten mit Hip Hop Vergangenheit/Radiohörer mit Geschmack/Menschen, die gerne Popmusik hören

Album: James Blake/Overgrown

Wie oft ist das zweite Album eines Hypes besser als das Debut, das den Hype verursacht hat? Egal, ob es am Druck liegt oder daran, dass die Grundidee nur ein Album lang spannend war: die Liste der Enttäuschungen zählt viele Namen, wohingegen Gegenbeispiele rar gesät sind. Selbst wundervolle Alben wie “Coexist” ließen sich im direkten Vergleich irgendwie doch den Druck anhören, der durch das Debut auf der Band gelastet haben muss. Ein ziemlich deutliches Gegenbeispiel hingegen legt James Blake mit seinem neuen Album “Overgrown” vor.

Statt sich weiter in Autotune Experimenten zu verlieren, wie es seine musikalische Entwicklung zunächst vorzuschreiben schien, denkt Blake wieder etwas stärker an den Club, vor allem aber an Soul. “Overgrown” funktioniert oft über den Gesang, um ihn herum wurden viele der Arrangements aufgebaut; schraubt er sich in die Höhe, zieht die Instrumentierung nach, das macht schon die an anderer Stelle ausgiebig gelobte Single “Retrograde” deutlich, bei der man stets das Gefühl hat, dass die Gesangslinie zuerst dagewesen sein muss, da der Rest des Liedes ihr immer wieder spielerisch folgt. Ein anderer Track, der definitiv von einer Stimme dominiert wird, ist “Take A Fall For Me”, auf dem RZA gastiert. Er darf auf einem skelettierten Beat Kryptisches von sich geben, dazu streut Blake verzerrte Stimmsamples ein - alles in allem eine mehr als interessante Erweiterung der Soundpalette und der deutlichste Beweis dafür, wie stark “Overgrown” von Musik beeinflusst ist, die nicht Dubstep sein möchte.


Die Rolle des anderen großen Namens auf der Gästeliste bleibt versteckter, denn wo genau Brian Eno auf dem elektronisch - minimalistischen “Digital Lion” seine Finger im Spiel hatte, kann kaum erkannt werden, und seinen wir bei aller Bescheidwisserei mal ehrlich: würde der Name nicht daneben stehen, man würde Enos Handschrift nicht deutlich herauslesen können. Muss man aber auch nicht, denn James Blake beweist auf diesem Album, dass er eigenhändig ausgezeichnete Songs schreiben kann, was im Entstehungsprozess wohl thematisiert wurde. Denn sowohl “The Wilhelm Scream” als auch “Limit To Your Love”, die beiden vermutlich populärsten Stücke des Debuts, stammten nicht aus Blakes Feder, weswegen er sich offensichtlich die Frage stellte, ob er abseits von Clubtracks, zerbröselnden Klavierstücken und verqueren (Autotune) Experimenten auch schlicht und einfach gute Popsongs schreiben kann.

Folglich ist “Overgrown” ein Album geworden, auf dem sich beinahe alle typischen Blake - Elemente finden lassen (der Minimalismus in “I Am Sold”, das sanfte Klavier, das “DML” auszeichnet, oder die Clubtauglichkeit in “Voyeur”), nur mit etwas mehr Fleisch an den kargen Knochen ausgestattet. Wo sich andere Künstler im Zuge dieser Gewichtszunahme in Opulenz verlieren würden, ist die Hinzunahme von Pomp und Pop genau das, was der Musik bisher an manchen Stellen gefehlt hat, um den Sprung von einem interessanten zu einem guten Stück zu schaffen. Nun hören wir auf dem neuen Album freilich kein großes Orchester, im Gegenteil, an vielen Stellen schimmert die Kargheit immer noch allzu deutlich durch, doch die Songs besitzen durchaus Pop - Appeal und wagen in den richtigen Momenten den Schritt nach vorne, “Voyeur”, wenn parallel zu der sowieso schon prominent platzierten Kuhglocke eine sirenenartige Synthiemelodie übernimmt und einen Hauch von House mit sich bringt, “I Am Sold”, wenn der Refrain den Ausbruch aus dem eisigen Palast wagt, den Blake häufig durch all die Effekte um sich herum aufbaut. “Overgrown” kann sich diese Momente leisten, weil sie nie zum Selbstzweck verkommen, sondern immer dafür sorgen, dass sich neue Facetten der Musik erschließen.

James Blake gelingt mit “Overgrown” also das Kunststück, den Druck zu kanalisieren, den bisherigen Sound zusammenzufassen, ihn dabei sinnvoll zu erweitern und gleichzeitig zehn wundervolle, vielfältige und doch zusammenhängende Stücke zu schreiben. Mehr kann man von einem zweiten Album nicht erwarten.

James Blake überwächst: Hypekinder/Elektroniker mit Schwäche für Soul/Menschen, die an moderner Popmusik interessiert sind

Bericht: Record Store Day 2013

Ich bin kein Musiksammler, jedenfalls nicht so, wie man ihn sich landläufig vorstellt, mit 1.000 Platten im Schrank, die zusammen einen Wert von mehreren hunderttausend Euro haben, immer fanatisch auf der Suche nach exklusiven Sammlerstücken, Fehlpressungen oder sonstigen, limitierten Sammlerstücken. Ich besitze hauptsächlich CDs, weil mir das Auflegen von Vinyl teilweise zu aufwendig ist, weil es oftmals die günstigere Variante ist und ich meistens MP3s höre - die gibt es zwar oft, aber nicht immer zum Vinyl dazu. Seit zwei Jahren stocke ich nun jedoch behutsam meine Plattensammlung auf, weswegen natürlich auch der Record Store Day für mich zusehends interessanter wurde, selbst wenn ich nach wie vor nicht bereit bin, Unsummen für ein Album auszugeben, nur weil das Vinyl koloriert ist.

Für alle, die ihn nicht kennen: der RSD findet seit 2007 jährlich am dritten Samstag im April statt. Zunächst in den USA gegründet, sickert der Feiertag mehr und mehr in andere Staaten durch. 2013 nahmen insgesamt 180 deutsche Plattenläden am RSD teil, was bedeutet: dort konnte man Exemplare limitierter, exklusiver Schallplatten erwerben, die Bands und Labels ausschließlich für diesen Tag zusammengestellt haben. Im Grunde ist dieser Tag also nur bedingt für Menschen wie mich geeignet, da es eher um die Exklusivität der Aufmachung, seltener um unveröffentlichtes Material geht, das die meist haushohen Preise rechtfertigen würde. Da sich seit dem letzten Jahr jedoch mein Stammplattenladen, das Rex Rotari in Saarbrücken, am RSD beteiligt, und der eigentliche Sinn des Tages darin besteht, Plattenläden zu unterstützen, war es für mich natürlich auch in diesem Jahr Ehrensache, mich am vergangenen Samstag nach der Arbeit auf den Weg in die Stadt zu machen.

Der Vollständigkeit halber sollte kurz erwähnt werden, dass ich auch im letzten Jahr am RSD zugegen war und sogar ein klares Ziel vor Augen hatte, nachdem ich ein wenig das Programm studiert hatte: “Feistodon”, die Splitsingle von Mastodon und Feist. Ich erwartete Berge von exklusiven Schallplatten, die von den Wänden auf mich herabglotzen würden, einen brechend vollen Laden, verzweifelte Menschen, die den Verkäufern die begehrten Sammlerstücke aus den Händen reißen würden. Vor Ort angekommen stellte ich ernüchtert fest, dass zwar ein paar Menschen mehr als sonst gekommen waren; von einem Ansturm konnte jedoch keine Rede sein. Auch die versprochenen Sammlerstücke konnte ich nicht ausmachen, bis mein Blick auf eine kleine Postkiste auf der Theke fiel. Nach kurzem Studium der Kiste wurde mir klar: das ist die Ausbeute des RSD, fünfzehn Alben und eine Hand voll Singles. “Feistodon” war natürlich nicht dabei, nur die Kinks und Lee Hazlewood. Man teilte mir mit, dass die Platten die ich haben wollte nur die wirklich großen Plattenläden erhalten würden. In der Provinz musste man sich mit den Kinks begnügen.

Entsprechend niedrig waren meine Erwartungen in diesem Jahr, als ich drei Stunden nach Öffnung das Rex Rotari betrat. Es tummelten sich wieder einige Menschen im Laden, doch das hatte ja offensichtlich nichts zu bedeuten. Der Blick fiel dieses Mal direkt auf die Theke und - oh Gott! - da standen vier Postkisten! Und ein kleiner Pappkarton mit Singles. Ich hyperventilierte, erste Schweißtropfen zeichneten sich auf meiner Stirn ab. Ruhig bleiben war angesagt, vielleicht befand sich in den Kisten auch nur Schund, Kinks und sowas. Erstmal ganz gemütlich durchblättern und - oh! mein! Gott! - das Rex hatte Glück in diesem Jahr. Die Bat For Lashes Single “Laura”, die sagenhafte “Zaireeka” 4 x 12” Edition, neu aufgelegte Mayhem Alben, eine sauteure Beak> Single, die “Hurts Like Heaven” Picture Vinyl von Coldplay inklusive Comic und und und …

Da verschlug es sogar mir den Atem. Ich wollte alles haben, aber alles war so teuer! In mir rangen der halb rationale Käufer, der mit Finanzen und billigen CDs argumentierte, und der vollkommen wahnsinnige Sammler, der wahllos Namen und Besonderheiten der Veröffentlichungen brüllte. Hilfesuchend taumelte ich zurück, in Richtung Rock/Pop Platten und packte mein Handy aus. Ich hatte die pitchfork Empfehlungen in diesem Jahr nur beiläufig studiert, also warf ich schnell einen Blick darauf, welche Veröffentlichungen denn überhaupt empfehlenswert seien. Antwort: Zu viele. Mittlerweile meldete sich jedoch der Käufer immer lauter zu Wort und gab zu Bedenken, dass sich ja vielleicht ein Mittelweg beschreiten lassen könnte. Value for Money, quasi. Der Sammler horchte auf.

Also zurück zu den Kisten. Oha, “Elephant” von den White Stripes, mit super tollem farbigem Vinyl, für knackige 39,99 Euro. Vorschlag des Käufers: nicht über dreißig Euro. Okay, also weitersuchen. Die Flaming  Lips waren damit natürlich auch aus dem Spiel. Beak> auch, viel zu teuer, und generell, Singles? Ein Song, den man meistens sowieso schon in irgendeiner Form besitzt, und dafür dann auch noch zehn Euro Minimum ausgeben? Auf keinen Fall. Nach einigem Stöbern bemerkte ich eine Liveplatte der Deftones mit ausgewählten Songs der “Adrenaline” Ära. Zugegeben, nicht mein Lieblingsalbum der Deftones, doch mit 17,99 Euro auf jeden Fall ganz vorne mit dabei in Sachen Preis - Leistungs Verhältnis. Ein kurzer Blick auf die Rückseite sollte den Appetit steigern, brachte jedoch rasch Ernüchterung: vier Songs? Das macht immerhin stolze 4,50 pro Song. Enttäuscht steckte ich die Platte zurück und machte mich fiebrig auf die Suche nach etwas Finanzierbarem. Bald war klar, dass es nur ein Platte mit einem wirklich vernünftigen Preis gab, den man eventuell auch außerhalb dieses Tages bezahlen würde: der dritte Sacred Bones Records Sampler zu Ehren des RSD. Acht exklusive Songs von Bands, die auf einem meiner erklärten Lieblingslabels veröffentlichen, darunter meine liebste Elektro - Wave - Goth - Musikerin, Zola Jesus, für gerade mal 18,99 Euro. Da mich andere Menschen langsam aber sicher besorgt beobachteten, wie ich da mit schwitzigen Fingern stand und die Platten wälzte, schnappte ich mir den Sampler und machte mich auf den Weg zur Kasse.

Auf dem Heimweg kam ich ins Grübeln. Zuvor hatte ich den RSD vorschnell als reine Kommerzveranstaltung abgehakt, von der im Endeffekt doch nur die sowieso schon Reichen profitieren und ein Laden wie das Rex Rotari mit guter Miene das böse Spiel eben mitspielen muss. Doch im Grunde hatte ich etwas ganz anderes erlebt: Menschen, die sich freundschaftlich begegneten um über Musik fachzusimpeln, außerdem eine erstklassige Auswahl von Platten, die man sich freundschaftlich in die Hand drückte. Was kann man sich schöneres für einen solchen Laden wünschen? Dennoch blieben Zweifel persönlicher Natur, je mehr die Endorphine abflachten: ich hatte meine Trophäe zwar erworben und hütete sie wie meinen Augapfel - im Endeffekt war es jedoch ein Kauf gewesen, den ich auch an jedem andere Tag hätte tätigen können, eben weil es beim RSD nicht unbedingt darum geht, wahnwitzige Sammler zu füttern, sondern den wahnwitzigen Sammler in uns zu entfesseln. Plötzlich kam ich mir mit meinem recht rationalen Sampler ziemlich dumm vor.

Am Montag war ich dann wieder in der Gegend und schneite spontan in’s Rex hinein. Der Trubel hatte sich gelegt, immerhin zwei Postkisten waren übriggeblieben. Eigentlich wollte ich mich lediglich nach der Bat For Lashes Single für einen Freund erkundigen, doch plötzlich juckte es mich in den Fingern. Ich blätterte die Postkisten durch, die Flaming Lips war nicht mehr da, die ziemlich überflüssige und überteuerte Coldplay Single hingegen schon, hihihi. Der Verkäufer kam auf mich zu und wies mich darauf hin, dass sie eine Nachlieferung erhalten hätten: eine Hand voll 10”s mit Soundgarden Demos und zwei Exemplare der wundervollen James Blake Single “Retrograde”. Mein Blick huschte hinüber. Tatsächlich, da stand sie: eine 12”, kein koloriertes Vinyl, keine Bonustracks, lediglich der Albumtrack “Overgrown” war als B - Seite hinzugefügt worden, ich besitze beide Songs also. Und doch stand ich nun da und betrachtete diese vollkommen sinnlose Pressung für stolze 9,99 Euro; und ehe ich mich versah hatte ich sie auf den Tresen gepackt. Es war der unsinnigste Kauf, den ich überhaupt tätigen konnte, aus musikalischer Sicht. Andererseits liebe ich diesen Song, er ist bereits jetzt einer der Besten des Jahres und läuft seit Monaten auf Dauerrotation. Nach einer kurzen Besprechung der Ereignisse des vergangenen Samstags (großer Andrang, größere Auswahl, überraschender Erfolg), verlies ich das Geschäft mit einem wohligen Gefühl in der Magengegend.

Natürlich kann man sich nicht an jedem Tag so verhalten, wenn man nicht sein ganzes Geld in Platten steckt oder Multimilliardär ist. Doch genau das macht den Zauber des RSD aus: er erlaubt uns, einen Tag lang voll unserer Sammelleidenschaft zu frönen. Im nächsten Jahr werde ich wieder erscheinen, dieses Mal mit prallem Portemonait, extra viel Zeit und einer ausführlichen Recherche im Vorfeld. Es ist tatsächlich mehr als nur die Unterstützung seines liebsten Plattenladens; es ist ein Feiertag der Musik und des Sammelns von Musik.

Der RSD presst Raritäten für: entfesselte Sammler/Vinylliebhaber/Menschen, denen es etwas bedeutet, wo sie ihre Musik kaufen.