Album: The Dillinger Escape Plan/One Of Us Is The Killer
Auf die Frage, warum “Reign In Blood” mit knapp einer halben Stunde Spielzeit so kurz geraten sei, antworteten Slayer sinngemäß, dass sie genauso viele Ideen wie andere Bands auf diesem Album untergebracht hätten, diese aber einfach schneller spielen würden. Was in Achtzigern für Slayers Alben galt, gilt heute für die Songs der Band “The Dillinger Escape Plan” - Ideen, Riffs, Melodien, aus denen andere ganze Alben machen, verwursten die fünf Musiker in einem einzigen Song, das hat sich auch auf ihrem fünften Album, “One Of Us Is The Killer”, nicht geändert. Was sich ebenfalls nicht geändert hat, ist ihre Neigung zu schädelspaltendenen Eröffnungsstücken - auf diesem Album heißt der Track “Prancer” und peitscht dem Zuhörer zu Beginn kreischende Stakkato - Gitarren ins Gesicht, steht also mehr oder weniger in der Tradition früherer Stücke wie “Panasonic Yout” oder “Fix Your Face”. Generell lässt sich vieles, was man auf “One Of Us Is The Killer” hören kann, mit früheren Releases vergleichen; das liegt jedoch vor allem daran, dass man langsam das Gefühl hat, dass diese Band bereits alles zwischen Metal, Hardcore, Jazz, Alternative, Ambient und Electronica abgegrast hat und nun hauptsächlich damit beschäftigt ist, ihr eigenes Erbe zu verwalten. Aber was das für ein Erbe ist!
Mal ehrlich: Wie viele Bands könnten ein Album wie dieses schreiben und umsetzen? Beinahe im Sekundentakt wechseln hier Stimmungen und Rhythmen, man hat das Gefühl, es sei wieder etwas chaotischer im Hause Dillinger geworden als zuletzt. Auf “Option Paralysis” gab es verhältnismäßig viele aufgeräumte Stücke, “One Of Us Is The Killer” geht die Sache etwas chaotischer an und wirft mit Ideen um sich. Ähnlich wie “Prancer” sorgte auch “When I Lost My Bet” mit Stakkatogitarren für starre Nacken, wäre da nicht dieses unverschämte Jazzschlagzeug im Hintergrund, das dann doch wieder alles auf den Kopf stellt, was man über den Song zu wissen glaubt. Jazzcore? So ungefähr. Generell, was auf diesem Album alles mal wieder so rein gar nicht zusammenpassen dürfte! Das unverschämte an The Dillinger Escape Plan ist ja, wie sie es schaffen, hochkomplexe Songs nie nach Progwichserei klingen zu lassen, sondern dank Grooves und Dynamik aus dem Hardcore Genre den Songs die nötige Griffigkeit verleihen, um bei aller Brachialität und allem Anspruch irgendwie eben doch zu unterhalten, auf eine sehr abstrakte Art und Weise. Auch das neue Album hat natürlich seine ruhigeren Momente, spätestens mit dem Titeltrack, der eine äußerst atmosphärische Rocknummer geworden ist - natürlich ausgestattet mit dem obligatorischen doppelten Boden, spätestens, wenn sich der Song nach dem zweiten Refrain in eine Sludge Walze verwandelt. Dazu diese Melodien, dieser Gesang, dieser Text! Melodien gibt es auf diesem Album haufenweise (man höre besonders aufmerksam: “Nothing’s Funny” und “Paranoia Shields”), sie sind jedoch etwas versteckter, als es zuletzt der Fall war; und wenn man ganz aufmerksam hinhört, lassen sie sich früher oder später in jedem Song irgendwo aufstöbern.
Auffällig ist, dass selbst nach dutzendfachem Durchhören lange nicht alle Geheimnisse dieses Albums entdeckt sind, überall lauern Überraschungen. Es ist nicht verwunderlich, dass die Band immer wieder mindestens drei Jahre braucht, um ein neues Album einzuspielen: so viele Ideen, wie diese Band auf einem Album unterbringt und dabei trotzdem zu jeder Zeit schlüssige Songs kreiert, schüttelt man eben nicht beiläufig aus dem Ärmel. Auf “One Of Us Is The Killer” scheinen die Songs auch wieder etwas komplexer geworden zu sein, Anzahl und Länge der vollkommen irren Stücke ist jedenfalls im Vergleich zum Vorgänger angestiegen. Dort gab es diese Momente zwar auch, sie waren jedoch verhältnismäßig kurz gehalten - hier hält der Wahnsinn beinahe in jeden Song Einzug, die Arrangements sind verschachtelter, man gönnt sich fast keinen Moment der Ruhe. Lediglich das Instrumentalstück “Ch 375 268 277 ARS” unterschreitet die Drei - Minuten - Marke; macht dabei aber durchaus Appetit auf weitere instrumentale Stücke dieser Band. So brillant Sänger Greg Puciato zwischen Falsett, Geschrei und normalem Gesang changiert, auch ohne ihn kann die Band überzeugen und erinnert an härtere Post Rock Bands wie And So I Watch You From Afar. Weitere Stücke in diese Richtung wären wünschenswert und zeigen eine neue Seite der Band auf.
Ansonsten heißt, wie vielleicht der ein oder andere bereits gemerkt hat, über dieses Album zu schreiben, an ihm zu scheitern. Im Grund müsste man ein Sequenzprotokoll anfertigen, zu viel passiert in den Songs, um sie klar einem Genre, einem Merkmal zuzuordnen. Fest steht:
1) The Dillinger Escape Plan bleiben The Dillinger Escape Plan.
2) “One Of Us Is The Killer” gehört zu ihren vielschichtigsten und komplexesten Alben.
3) The Dillinger Escape Plan stehen nach wie vor alleine auf weiter Flur. Niemand spielt diese Musik annähernd so gut wie diese Band, und ganz nebenbei nehmen sie in Kategorien wie Technik mit Songs wie “Understanding Decay” Musterschülern wie Meshuggah dann auch noch die Butter vom Brot.
Wer die Band bisher nicht mochte, wird hier nicht zum Fan. Wer sie mag, wird fündig werden. Ich verabschiede mich in den Wahnsinn, der sich nach mehrmaligem Hören dieses Albums unweigerlich einstellt. Wer sich auf diese Sache einlässt, kommt nicht mehr davon los.
The Dillinger Escape Plan entlarven Mörder unter uns für: wirre Hardcore - Buben/wilde Jazz - Schlaumeier/bebrillte Mosher/wahnsinnige Headbanger